Darf man Wikipedia oder eine andere Enzyklopädie in einem wissenschaftlichen Aufsatz zitieren? Ich gestehe, die größtenteils von etablierten Wissenschaftlern geäußerte Fundamentalopposition kann ich nicht ganz verstehen. Mein Kommentar zum Post auf Scatterplot:
A. Concerning the general question of citing encyclopedias (in working papers/journal articles/…) at all: Depends—from my point of view—heavily on
(1) what it is cited for (role of citation in the text): (i) The core argument of the paper OR (ii) a minor point (e.g.) in the introduction AND
(2) what is cited (content of citation): (i) Scientific arguments which are actually cited by the encyclopedia itself OR (ii) content which can be found just in the encyclopedia in question in this way (e.g. a comparison of statistics, provided by different institutions/organizations, which pretend to measure the same, however, provide different numbers).
If for both (1) and (2) (ii) is true, I would be fine with the citation of an encyclopedia. Put differently, if it is not the core argument of your paper AND an encyclopedia makes a good point in bringing stuff to your attention, then cite it! The alternatives would be (I) pretend—in not citing the encyclopedia—that the idea was/is your own idea OR (II) not write the paper. Do we really want that?
B. The reliability of Wikipedia.
I prefer empirical evidence as an argument. The evidence related to this question is (e.g.) this:
1. “Nature” conducted a nice study in 2005 comparing articles from Wikipedia (English version) to those by “Encyclopaedia Britannica”. Here is the article incl. much additional material:
http://www.nature.com/nature/journal/v438/n7070/full/438900a.html2. The German version of Wikipedia was reviewed and compared to “Brockhaus”, THE German encyclopedia. The result was (clearly) in favor of Wikipedia. Unfortunately, I found no English summary. And—even more annoying—no report on the methodology at all…
February 17, 2008 at 7:14 am |
Ich bin (in den allermeisten Fällen) gegen das Zitieren von Wikipedia (ich würde auch nicht den Brockhaus zitieren) – solange es sich um Fachinformationen handelt. Der Grund ist ganz einfach – ein Lexikon trägt seiner Bestimmung nach nur Wissen aus anderen Quellen zusammen, und zitiert werden sollte stets die ursprüngliche Quelle. Einzige Ausnahme bleibt dann das von dir genannte Beispiel aus Fall 2-ii, das meiner Meinung nach sehr selten eintritt. Wenn es das tut, muss natürlich die Quelle angegeben werden. Ich würde das allerdings nur dann ohne Bauchschmerzen hinbekommen, wenn die Zitation sich nicht auf den Hauptinhalt des Papers bezieht, sondern auf ein Nebenargument. Denn seien wir ehrlich – die meisten soziologischen Artikel in Wikipedia sind katastrophal.
In diesem Fall stimme ich dir zu, dass Wikipedia (trotz offensichtlicher Qualitätslücken) offenbar mit dem Brockhaus mithalten kann. Den wird es ja bald auch nicht mehr geben. Der Untergang des Abendlandes, bla bla bla.
February 17, 2008 at 3:35 pm |
Volle Zustimmung, empirisch tritt der Fall 1-ii UND 2-ii nur selten auf. Darum: Stimmt, das Zitieren von Enzyklopädien ist nicht ratsam. Vielmehr sollte man sich von der Enzyklopädie den Weg zur Original-/Primärliteratur weisen lassen, diese lesen und dann entsprechend zitieren. Ich glaube allerdings, dass 2-ii immer häufiger werden wird. Wenn ich Artikel in der Wikipedia lese, scheint mir das alte (z.B. Brockhaussche) Format der Enzyklopädie aufgeweicht zu sein/werden, im Sinne von mehr eigenen Gedanken/Ideen/Schlüssen. Wenn ich richtig informiert bin, toben genau um solche Dinge Kämpfe innerhalb der Wikipediagemeinde. Also, inwieweit ist man eine klassische Enzyklopädie, oder eben mehr bzw. anders.
February 18, 2008 at 2:08 pm |
Was hältst du (oder andere Leser) eigentlich von der Einstellung des (gedruckten) Brockhaus? Da wir schon mal beim Thema sind…
February 20, 2008 at 11:06 am |
Nun ja, es ist eine ökonomische Entscheidung. Ein Produkt, dass sich wohl nicht zu stark verändern wird, gibt es in Zukunft (1) nicht mehr gedruckt, sondern nur noch online. Es wird (2) — für den einzelnen Nutzer — nicht mehr teuer zu erwerben sein, sondern durch Werbeeinnahmen finanziert (damit werden die Kosten mehr oder weniger auf die kaufende Allgemeinheit abgewälzt). Mit dem neuen Medium (Internet) geht dann wohl einher, dass der Brockhaus (3) aktueller wird, von der (4) Erreichbarkeit von nahezu jedem Ort der Welt ganz zu schweigen. Das (1-4) sind für mich positive Punkte.
Was könnten negative Auswirkungen sein? Hmm… das ist schwierig. Ein beliebtes Argument ist ja wohl, dass sich (5) das Leseverhalten verändern könnte. Weg vom konzentriertem Aufnehmen aller Informationen hin zu oberflächlichem Aufschnappen. Ich habe mal die Ergebnisse einer Studie gelesen, die zeigt, dass es diesen Effekt nicht gibt — wenn überhaupt war das Gegenteil zu beobachten. Ein weiteres Argument ist gelegentlich, dass man (6) schneller/eher im Buch nachschlägt, weil man ja den PC/Laptop nicht hochfahren muss. Daran glaube ich auch nicht (mehr). Immer mehr Menschen haben PC oder Laptop (beinahe) ununterbrochen an.
Dass es Menschen gibt, die einer edlen gedruckten Ausgabe hinterhertrauern, kann ich verstehen. Rein ästhetisch betrachtet hatte der Brockhaus schon was; nicht zu vergessen, dass die Tage als Statussymbol des Bildungsbürgertums endgültig gezählt sind. (Ach ja, wird es den Brockhaus weiterhin auf USB-Stick geben? Das wäre die letzte Möglichkeit des Erhalts als Statussymbol — auf dem Schreibtisch thronend…)
In jedem Fall ist es eine Zäsur. Ich verstehe die Einstellung auch eher als Indikator einer Entwicklung, die vor 15 Jahren undenkbar schien. Ich bin in jedem Fall sehr gespannt, was die nächsten 15 Jahre an digitaler Revolution zu bieten haben…